Mittwoch, 20. Mai 2015

ESC oder Die Wiederverwertung der The Voice Teilnehmer


Wien ist im Song Contest-Fieber: singende Kanaldeckel, Pärchen-Ampeln und Conchita als U-Bahn Ansage. All das gibt es laut Medien zur Zeit in der Hauptstadt. Ich schreibe „laut Medien“, weil ich selbst noch keines dieser tollen Marketing-Aktionen gesehen habe. Offensichtlich hat man sich für Hidden Marketing entschieden und die Idee dahinter ist, dass man diese Goodies erst suchen muss.

Im Vorhinein haben sich viele Menschen darüber beschwert, dass der ESC Österreich nur unnötig viel Geld kostet. Ich stehe dem Thema recht neutral gegenüber. Ich sehe meine GIS-Gebühren lieber in eine „Gesangs“-Farce investiert, als in die Übertragung des 5. Luft- verpestenden Trainings vom F1 Grand Prix in Montreal (aber Hauptsache wir sind alle soooo öko…). Ich weiß, darüber kann man diskutieren, und ich will gar nicht abstreiten, dass es durchaus seinen Reiz hat Autos dabei zuzuschauen wie sie 100 Runden im Kreis fahren. Ich gehe selbst gerne am Wochenende in den Prater und schaue dem Mecky-Express zu.

Als die Übertragung des ersten Semifinales aus der Wiener Stadthalle beginnt, muss man sagen, dass unsere GIS-Gebühren gut eingesetzt wurden, denn das Lichtdesign kann sich im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen. Das Konzept mit den leuchtenden Kugeln, die sich in Wellen über die Bühne bewegen, sieht beeindruckend aus.


Wie es die Tradition verlangt, beginnt das Event mit dem Siegertitel des letzten Jahres Rise like a Phoenix, das wir im letzten Jahr recht oft hören mussten, und diese Woche vermutlich noch öfter… Aber das Positive daran: Danach wird das Lied vermutlich in der Versenkung verschwinden.

Miriam, Alice und Arabella – drei Damen in unmöglichen Outfits moderieren das erste Semifinale. Wenigstens spricht Alice gut Englisch – die anderen beiden sind dazu da das Klischée zu bestätigen, dass das Englisch der Österreicher eher bescheiden ist (eines der schlimmsten Beleidigungen, die ich je gehört habe, war als jemand zu mir gesagt hat: „You sound like Arnold Schwarzenegger.“).  
 

Und wo wir schon bei Klischées sind: Stripper als Polizisten verkleidet. Das sind die Song Contest Starter für Moldawien, die mit I want your love die Startnummer 1 des Abends haben. Ja, schon der erste Beitrag hat das, was ein richtiges Song Contest Lied braucht: den gewissen WTF-Effekt (für diejenigen, die in Abkürzungen nicht so firm sind: What The Fuck). Hierbei handelt es sich um eine Boyband-artige Formation, die in knapper Polizisten-Uniform (wieso habe ich noch nie solche Gesetzesvertreter in live gesehen?) auf einem Gerüst herumturnen und „schön“ falsch singen.

Armenien, Face the Shadow: Diese Gruppe sieht in ihren Umhängen aus wie eine Delegation Elben aus Herr der Ringe – im Hintergrund ist sogar ein weißer Baum (von Gondor!) projiziert. Hoffentlich werden sie nicht von New Line Cinema wegen Plagiats verklagt. Beim Lied kann ich beim besten Willen nicht sagen, ob es so sein soll, oder ob sie falsch singen. Vermutlich zweiteres…

Belgien schickt seinen besten Mann: den zweitplazierten von The Voice Belgien.

Der Beitrag Rythm Excite ist… schwer zu beschreiben. Vor allem hat er viel weißes Licht, weiße Tänzer und Stroboskop Effekte – kurzum ein Fest für Epileptiker.

Die Niederlande, Walk Along: Die Sängerin trägt eine Maske auf schwarzer Spitze, welche sie sich vom Gesicht reist und einen unvorteilhaften Jumpsuit, der an eine Fledermaus erinnert, wenn sie die Flügel angelegt hat. Das Lied besteht hauptsächlich aus den Worten „Whyjayjayjay“ – also super zum Mitsingen.

Finnland – die Band mit dem unaussprechlichen Namen – Pertti Kurikan Nimipäivät - kurz PKN. Und genauso kurz ist das Lied – nur 90 Sekunden lang. Finnischer Gröle-Rock. Weckt ein wenig Erinnerungen an Lordi. Weil es finnisch ist, weiß ich leider nicht, worum es in dem Lied geht. Is aber egal, es rockt. Wie heißt es so schön: In der Kürze liegt die Würze.


Gott sei Dank ist nun eine kurze Werbepause, in der ich mir eine Stärkung genehmigen kann.  

Gut, das Mirkowellen-Popcorn nur 3 Minuten braucht.


Griechenland. Auch hier eine The Voice Teilnehmerin, dieses Mal die Gewinnerin. One last breath heißt das Lied – welch ironisch gewählter Titel. Offensichtlich pfeifen die Griechen wirklich aus dem letzten Loch. Die erste Jammer-Ballade des Abends. Da bin ich froh, dass ich nun Popcorn habe, das mich das ertragen lässt. Bei dem Beitrag ist „Glitzer“ das Motto: Glitzer-Kleid, Glitzer-Staub und viele Sternchen auf der LED-Wand.


Goodbye to Yesterday. Das Lied von Estland finde ich… eigentlich recht cool. Es hat was von dem Minimalismus, das die Niederlande letztes Jahr hatten: Ein Mann und eine Frau zueinander singend.

 
Mazedonien. Der Sänger hat angeblich immer ein Foto von seiner Mama mit (sollte ihm vielleicht mal jemand sagen, dass das bei Mädels ned so sexy ankommt). Er lebt eigentlich in Wien und war bei Starmania dabei. Autumn Leaves heißt der Beitrag und ist eine melodramatische Boyband-Ballade, die alles hat, was es braucht, um diese Bezeichnung zu verdienen: peinliches Gehopse, das als Background-Tanz durchgehen soll, schreckliche Outfits (weißer Mantel), Projektionen, die aussehen als wären sie ein Bildschirmschoner und man sollte ihm auch sagen, dass Schnauzer auch nicht so sexy rüberkommt bei Frauen.

 
Serbien, Beauty never lies – die serbische Adele. Wenn man gemein ist, könnte man behaupten sie wird weniger wegen ihrer Stimme, sondern mehr wegen ihres Körperbaus so genannt. Ihr Chor besteht aus 2 Frauen und 2 Männer mit weißen Masken, welche sie nach der ersten Strophe absetzen, sich die weißen Kutten vom Leib reißen und plötzlich wird es eine Techno-Nummer. Ja, das gibt es nur beim Song Contest.
 

Ungarn. Wars for nothing – Anti-Kriegssong. Die Sängerin steht im Dunkeln in einem Bordeaux-roten Kleid. Das ist nun wahrlich Minimalismus nach der letzten Nummer. Die Bühne verwandelt sich in Sternbilder und irgendwie kann ich mich der Assoziation zu Die Entdeckung der Unendlichkeit nicht erwehren. Spätestens bei der zweiten Strophe hat sich das aber schlagartig wieder geändert, denn nun ist ein Baum auf der LED Wand zu sehen – jetzt ist die Assoziation Rauch und ich hätte gerne einen Apfelsaft.

Weißrussland, Thunder: Bumm, Bumm-Ballade (ja, der Song Contest zwingt einen neue Genre-Kreuzungen zu erfinden) gesungen von einem Mann, begleitet von einer hübschen Geigerin in Weiß (scheint die ESC-Modefarbe zu sein). Andi Knolls Kommentar zum Sänger: „Der sieht aus wie der Typ von 50 Shades of Grey.“

Russland, A Million Voices: Das hat nun was von Celine Dion, bzw. sie scheint die russische Helene Fischer zu sein. Auch ihr Kleid hat die Farbe… genau: Weiß. Man könnte das Lied auch umtaufen auf A Million Lights.

Kurze Pause. Popcorn auffüllen.
Und weiter geht’s.

Dänemark hat einen Starter, deren Bandname mir gefällt: Anti Social Media, The Way you are heißt die Nummer. Mein erster Gedanke: Meine liebe Freundin Biscotto (Name von der Redaktion geändert) wird die mögen, denn der Sänger ist rothaarig (ginger!). Gefälliges Lied, einer Band, die aussieht, als wären sie 15 und machen auf Brit-Pop für Arme.

Albanien. I’m alive: Sie hat die italienische Version von The Voice gewonnen. Ihr Song ist leider so nichtssagend, dass man mehr zum Outfit sagen kann, als zum Lied. Sie trägt so etwas wie einen Jumpsuit mit Cut Outs und einem angenähten Cape. Ja, es ist genauso schräg wie es sich anhört. Ach ja, die aufgestickten Glitzer-Steinchen darf man nicht vergessen.


Rumänien, De la capat: Eines der wenigen Beiträge, der nicht auf Englisch ist. Und auch, wenn ich Englisch liebe, so finde ich es immer mutig und gut, wenn Länder mit Liedern in der Landessprache antreten. Während des Songs laufen im Hintergrund schwarz-weiß Projektionen von traurig dreinblickenden Kindern.


Georgien startet mit einem der zwei Lieder, das Warrior heißt. Die Sängerin macht auf Gothic-Krieger-Prinzessin. Schaut aus, als wäre sie World of Warcraft entstiegen und für ihr Kostüm mussten ein paar arme Krähen Federn lassen.


Das war es mit den Beiträgen. Und nun eröffnen die Ladies das Voting (und wieder frage ich mich, wer sich eingebildet hat, man müsse Alice in ein Tischtuch wickeln – es ist NICHT vorteilhaft).  


Meine Spannung steigt ins Unermessliche… Ich denke, ich mache mich mal gemütlich bettfertig.
 

In der Zwischenzeit machen sich Miriams Hund Schwarzenegger, Arabellas Lipizzaner und Alices Katze mit einer Kamera auf durch Wien und zeigen uns die Stadt auf der Perspektive von Vierbeinern.


Wir bekommen auch noch die Videos der Fixstarter zu stehen, und dabei springen mir vor allem jenes von Spanien und Italien ins Auge:


Das Video für Spaniens Song Contest Teilnehmer ist eine „gelungene“ Mischung auf Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger und (wieder einmal) Herr der Ringe - inkl. Ring mit leuchtender Inschrift.


Für Italien tritt Il Volo an, die in ihrem Video auf Ghost – Nachricht von Sam machen.


(und für die Freaks unter uns: werft einen Blick auf die Tapete des Tonstudios im Video der Starter für Australien. Kommt euch die bekannt vor? Die klebt auch an den Wänden der berühmtesten Adresse Londons…)

 
Und dann ist es endlich soweit (wir haben fast so lange überzogen wie zu Gottschalks Wetten, dass…? Zeiten). Die 10 Finalisten lauten:

 

Albanien – Frau mit Cut out und Cape

Armenien – Elben aus Mittelerde

Russland – Helene Fischer von Russland

Rumänien- Erinnerung an traurige Kinder

Ungarn – Anti-Kriegslied

Griechenland – Haben noch nicht ihren letzten Atemzug getan

Estland – das heurige Calm after the Storm

Georgien – Kriegerprinzessin

Serbien – Adele

Belgien – Alptraum für Epileptiker

Und nun werde ich noch ein paar Tränen vergießen, weil die Boyband-Stripper-Polizisten nicht weitergekommen sind und mich dann seelisch auf das zweite Semifinale am Donnerstag vorbereiten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen